| 07.04.2009
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Wo Frauen nur die Hälfte wert sind
Die Kreis-Frauen-Union lud zum Osterfrühstück mit Vortrag ein
Kein Verein ohne Weihnachtsfeier, kein Betrieb ohne Weihnachtsschmaus. Dass es auch anders gehen kann, bewiesen die Damen der Kreis-Frauen-Union vor zwei Jahren. Auf Anregung von Christa Breitling und Margret Löhmann luden sie zu einem Osterfrühstück im Gärtringer „Bären“ ein. Diesmal waren die FU-Frauen am 4. April Gast im „Hotel Walker“ in Renningen.

Renate Wonneberger (links) und die FU-Kreisvorsitzende Elke Staubach.
Auch bei der Ausgestaltung des opulenten österlichen Frühstücks ließen sich de FU-Frauen Neues einfallen. Als „Hauptgang“ schilderte Renate Wonneberger die dramatische Lebensgeschichte der iranischen Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi, die Verfolgung, Demütigung, Inhaftierung und Todesdrohungen erdulden musste und dennoch nie den Glauben an eine bessere Zukunft aufgab. Der Lebenslauf der engagierten Juristin gab zugleich einen facettenreichen Einblick in ein Land, das seit dem Sturz des Schahs von Persien wie kein anderes im Brennpunkt der internationalen Politik steht.
Ebadi war die erste Richterin in der Geschichte Irans.
Die entscheidende Wende kam mit dem Sturz des Schahs im Jahre 1979. Kaum hatte die Islamische Revolution das Land mit unbarmherziger Strenge umgekrempelt, wurde die Juristin als Schreibkraft beim Gerichtshof degradiert. Anfang der 80er-Jahre ging sie in den vorzeitigen Ruhestand. Das Ende ihrer Amtstätigkeit ließ die Juristin nicht resignieren. Im Gegenteil. Statt ins Ausland zu gehen, wie ihr viele aus ihrem näheren Umfeld rieten, hielt sie es für ihre Pflicht, im Iran zu bleiben. Hier wollte sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit Hilfe von Veröffentlichungen und Vorträgen gegen fundamentalistische Fehlinterpretationen des Korans und für mehr Gerechtigkeit vor allem für Frauen kämpfen.
„Der Kampf muss im Inneren eines Landes und einer Gesellschaft geführt werden. Jede fremde Einmischung erschwert das Ringen nur“.
Eines machte der Renate Wonnebergers Vortrag deutlich: Wer gegen Ungerechtigkeiten ankämpft, muss über herausragende charakterliche Eigenschaften verfügen: Führungskraft, Hartnäckigkeit und Geduld sowie über eine außerordentliche Portion Mut. All das gekoppelt an die unabdingbare Verpflichtung auf ein höheres Ziel. Diese Standfestigkeit ermöglicht es Ebadi, sich allen Widerständen zum Trotz für eine gleichberechtigte Rolle der Frauen im öffentlichen Leben und für die Rechte von Kindern sowie für eine Justizreform mit unabhängigen Richtern und Anwälten einzusetzen. Eine Bestrafung durch Auspeitschung, Steinigung und Abhacken vorn Körperteilen wertet Ebadi als Missbrauch der Religion und Fehlinterpretation der Scharia.
Immerhin: Ab 1992 wurde es nach und nach Frauen erlaubt, als Rechtsanwältinnen zu praktizieren.
Auch Shirin Ebadi erhielt eine Zulassung und richtete im Erdgeschoss ihres Wohnhauses eine Kanzlei ein. Als Vorreiterin einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft übernimmt sie Fälle von misshandelten Kindern und missbrauchten Frauen. Zu ihrer Klientel gehören auch liberale Personen und Dissidenten, die mit der Justiz – einer der Bastionen konservativer Macht im Iran – in Konflikt geraten sind. Mit dieser Einstellung begibt sie sich oft selbst in größte Gefahr. Mehr als einmal wurde die engagierte Juristin inhaftiert oder geriet in brenzlige Situationen, die ihr vor Augen führten, dass ihr eigenes Leben an einem seidenen Faden hängt. Nach wie vor wird sie rund um die Uhr bewacht.
Ebadis unerschrockener Wille sich für andere einzusetzen und ihre unbeugsame Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen, stößt im Iran auf Ablehnung und Ächtung.
In der westlichen Welt hingegen erntet sie Bewunderung und Respekt. 2003 wurde ihr „für ihre Bemühungen um Demokratie und Menschenrechte“ der Friedensnobelpreis verliehen. Die Auszeichnung nahm sie ohne Kopftuch entgegen. Sie begründete diese Haltung damit, dass es im westlichen Kulturkreis jeder Frau überlassen sei, wie sie sich kleide.
Im Iran hält sich Ebadi an die zurzeit geltenden Gesetze.
Das heißt: In ihrer Heimat trägt sie wie alle anderen iranischen Frauen in der Öffentlichkeit den Tschador, den schwarzen Umhang, der Kopf und Körper verhüllt und nur das Gesicht bzw. Partien des Gesichts freigibt. Mit dieser Vermummung sollen Frauen unsichtbar gemacht werden. Das ist schon schlimm genug.
Viel schlimmer, so Ebadi, ist das den Frauen aufgezwungene Schweigen. Nach dem islamischen Strafgesetzbuch sind sie ohnehin nur die Hälfte eins Mannes wert. So wird der Zeugenaussage einer Frau nur halb so viel Gewicht beigemessen wie der eines Mannes. Im Falle einer Scheidung sollte die Frau nur die Hälfte dessen bekommen, was einem Mann im gleichen Fall zusteht.
Trotz aller Widrigkeiten ist die Anwältin überzeugt, dass der gesellschaftliche Wandel langsam aber unaufhaltsam politische Reformen erzwingen wird.
Text: Anita Högner; Foto: Gerti Mayer-Vorfelder
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